Romi
26.02.2003, 13:21
Der ehemalige französische Kulturminister Jack Lang sprach unlängst in Wien über seine Ideen einer europäischen Kulturpolitik. In Wien fordert der für Kultur zuständige Stadtrat von der zukünftigen Regierung die Wiedereinführung eines eigenen Kulturministeriums. In Wien haben die Parlamentsparteien nach den Novemberwahlen ein leidlich lebhaftes Gesellschaftsspiel wiederbelebt, das die Spielteilnehmer – entsprechend ihrer jeweiligen Gelassenheits- respektive Leidensvirtuosität – als „informelle Sondierungen“, „vertiefende Verhandlungen“, „Kaffeehausgespräche“ oder „Pflanz“ bezeichnen; Ziel: Erkundung des Sturzraums, um das anschließende Über-den-Tisch-Ziehen bzw. -gezogen-Werden möglichst unbeschadet zu überstehen. Kultur ist/war – so der Stand zum Zeitpunkt, als diese Zeilen getippt wurden – bei diesem „sond(i)erbaren“ staatstragenden Hinundhergewoge als Thema nicht wirklich ein Reißer.
Immerhin wurde unlängst noch von der alten Regierung ruck, zuck ein so genanntes Budgetprovisorium beschlossen, auf dass nach Lust und Laune ad infinitum gegambelt und gepokert werden kann, ohne dass deshalb das Staatsgebälk zu krachen beginnt (auch wenn das Unser First Bundes-Drummer in der Hofburg – der mit traumwandlerischem Timing und „mit großer Sorge“ den einen oder anderen warnenden Beserlwirbel vom Bühnenrand her einwirft – anders sieht). Also: Das Budget wird nach den Vorgaben des Jahres 2002 fortgeschrieben. Und damit der eine oder andere Luftikus nicht auf dumme Gedanken kommt und die Staatsbürgerbonsais nicht in den kholrabenschwarzen „Gott in die Verfassung“-Präambel-Himmel wachsen, wurden die so genannten Ermessensausgaben der einzelnen Ministerien um fünf Prozent zurückgestutzt. Das betrifft auch die Bereiche Kultur und Kunst, die sich zwar seit der letzten Klima-Katastrophe nicht mehr in einem eigenen Ministerium aufgehoben wissen dürfen, aber trosthalber dafür zur „Chefsache“ erklärt wurden (die Aufhebung besorgt seither immerhin ein eigenes, dem Kanzler subordiniertes Staatssekretariat). Und wenn’s für die Ministerien ans Gürtelengerschnallen geht, darf auch das kunststaatssekretarielle Stützmieder nicht zu lasch über der Taille sitzen: Luft anhalten, und zugeschnürt! Tut kaum weh – Chefehrensache! Politischer Schulterschluss für Rot-Weiß-Rot nennt man das staatstragend, glaube ich, alle müssen zusammenstehen, wenn’s um „die Familie Österreich“, um das große Ganze, um das ganz Große geht et cetera et cetera ...
Egal. Eh ich mich verzettle und Reiskörner zu zählen beginne, ein schüchterner Seitenblick auf dieses große Ganze: Für die Kultur wendet die Kulturweltmeisterrepublik etwas mehr als ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf. Davon sind knapp neunzig Prozent für die so genannte Hochkultur fix gebunden. Und um irgendetwas von den übrig bleibenden zehn Prozent zu bekommen, mühen sich die knapp neunzig Prozent der „anderen“ ab (Wie soll man sie bezeichnen? Das Gegenteil von „hoch“ ist „tief“ – also etwa Tiefkulturproletariat? Selbstredend ziemt sich so eine Titulierung nicht im Zusammenhang mit Kultur, dafür aber in Bezug auf die Form der Behandlung dieser bittstellenden Majorität umso mehr). In etwa könnte die Präambel einer noch aufzuschreibenden alpenländischen kulturpolitischen Kabbalistik so aussehen: 99 versus 1, 90 versus 10, 10 versus 90, Minister versus Sekretär, Bund versus Land versus Stadt versus Bund, Subventionsgeber versus Bittsteller, E versus U, stabiles Schönwetterhoch versus Tiefdruckwirbel ...
Jack Lang ist seit geraumer Zeit kein Minister mehr, sondern einfacher Abgeordneter. Als Ressortchef erhöhte er gleich in seinem ersten Regierungsjahr das Budget für Kultur um das Doppelte und forcierte nicht zuletzt durch die Umsetzung umstrittener Projekte – wie den Bau der Opéra de la Bastille, der Bibliothèque Nationale oder des Grand Louvre – die Schärfung des gesellschaftlichen Bewusstseins dafür, was Kultur ist, sein will, sein muss, sein kann und könnte. Als einfacher Abgeordneter ohne direkte Möglichkeit einer gestalterischen Umsetzung artikuliert er Themen, setzt einen Gedankenstrich vor und ein Fragezeichen nach dem Wort „Utopie“. Darf Graz alles? Ist Wien anders? Bleibt alles besser? Lang braucht’s – möglicherweise.
Immerhin wurde unlängst noch von der alten Regierung ruck, zuck ein so genanntes Budgetprovisorium beschlossen, auf dass nach Lust und Laune ad infinitum gegambelt und gepokert werden kann, ohne dass deshalb das Staatsgebälk zu krachen beginnt (auch wenn das Unser First Bundes-Drummer in der Hofburg – der mit traumwandlerischem Timing und „mit großer Sorge“ den einen oder anderen warnenden Beserlwirbel vom Bühnenrand her einwirft – anders sieht). Also: Das Budget wird nach den Vorgaben des Jahres 2002 fortgeschrieben. Und damit der eine oder andere Luftikus nicht auf dumme Gedanken kommt und die Staatsbürgerbonsais nicht in den kholrabenschwarzen „Gott in die Verfassung“-Präambel-Himmel wachsen, wurden die so genannten Ermessensausgaben der einzelnen Ministerien um fünf Prozent zurückgestutzt. Das betrifft auch die Bereiche Kultur und Kunst, die sich zwar seit der letzten Klima-Katastrophe nicht mehr in einem eigenen Ministerium aufgehoben wissen dürfen, aber trosthalber dafür zur „Chefsache“ erklärt wurden (die Aufhebung besorgt seither immerhin ein eigenes, dem Kanzler subordiniertes Staatssekretariat). Und wenn’s für die Ministerien ans Gürtelengerschnallen geht, darf auch das kunststaatssekretarielle Stützmieder nicht zu lasch über der Taille sitzen: Luft anhalten, und zugeschnürt! Tut kaum weh – Chefehrensache! Politischer Schulterschluss für Rot-Weiß-Rot nennt man das staatstragend, glaube ich, alle müssen zusammenstehen, wenn’s um „die Familie Österreich“, um das große Ganze, um das ganz Große geht et cetera et cetera ...
Egal. Eh ich mich verzettle und Reiskörner zu zählen beginne, ein schüchterner Seitenblick auf dieses große Ganze: Für die Kultur wendet die Kulturweltmeisterrepublik etwas mehr als ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf. Davon sind knapp neunzig Prozent für die so genannte Hochkultur fix gebunden. Und um irgendetwas von den übrig bleibenden zehn Prozent zu bekommen, mühen sich die knapp neunzig Prozent der „anderen“ ab (Wie soll man sie bezeichnen? Das Gegenteil von „hoch“ ist „tief“ – also etwa Tiefkulturproletariat? Selbstredend ziemt sich so eine Titulierung nicht im Zusammenhang mit Kultur, dafür aber in Bezug auf die Form der Behandlung dieser bittstellenden Majorität umso mehr). In etwa könnte die Präambel einer noch aufzuschreibenden alpenländischen kulturpolitischen Kabbalistik so aussehen: 99 versus 1, 90 versus 10, 10 versus 90, Minister versus Sekretär, Bund versus Land versus Stadt versus Bund, Subventionsgeber versus Bittsteller, E versus U, stabiles Schönwetterhoch versus Tiefdruckwirbel ...
Jack Lang ist seit geraumer Zeit kein Minister mehr, sondern einfacher Abgeordneter. Als Ressortchef erhöhte er gleich in seinem ersten Regierungsjahr das Budget für Kultur um das Doppelte und forcierte nicht zuletzt durch die Umsetzung umstrittener Projekte – wie den Bau der Opéra de la Bastille, der Bibliothèque Nationale oder des Grand Louvre – die Schärfung des gesellschaftlichen Bewusstseins dafür, was Kultur ist, sein will, sein muss, sein kann und könnte. Als einfacher Abgeordneter ohne direkte Möglichkeit einer gestalterischen Umsetzung artikuliert er Themen, setzt einen Gedankenstrich vor und ein Fragezeichen nach dem Wort „Utopie“. Darf Graz alles? Ist Wien anders? Bleibt alles besser? Lang braucht’s – möglicherweise.